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Theaterverein Wetter in Bestform
“Hexenjagd” elektrisiert Premierenpublikum
So mucksmäuschenstill war es in der Stadthalle Wetter noch nie; bis zum Schluss gefesselte 200 Zuschauer im Bann der Wirren der kleinen Puritanergemeinde Salem. Und dabei fängt das Stück so lebensfroh und beschwingt an: Junge Mädchen in Nachthemden tanzen nachts ausgelassen im Wald, juchzen vor Freude und werfen mit ihren Hauben ihre Keuschheit und Sittenstrenge weit von sich, Zauber und Wildheit weht da plötzlich aus den langen Haaren heraus und man ahnt, dass das nicht gut ausgehen wird. 10 Tänzerinnen der Marburger Tanzschule StepIn bringen mit ihrem Tanz den Zuschauer in wenigen Minuten zauberhaft und geheimnisvoll mittenrein ins züchtige 17. Jahrhundert.

Der Vorhang geht auf, ein regungsloser Mädchenkörper (Maria Thierfelder) im Bett, ein hilfloser und verzweifelter Vater Pastor Parris (Uwe Fischbach) kniend dahinter, hoffend auf die Hebamme Rebecca Nurse (Bärbel Kahle, 2. v. l.). Schnell bekommt der Zuschauer mit: Die Schlüsselfigur zu allem ist das feurig rothaarige Mädchen Abigail Williams (Marie Bruns, rechts), das nicht so ganz mit der Sprache rausrücken will, was die Mädchen gestern Nacht im Wald außer Tanz noch getrieben haben.
Marie Bruns aus Bauerbach, die letzte Woche noch nebenbei Abitur geschrieben hat, sprüht vor Feuer und Leidenschaft in ihrer ersten und großen Rolle beim Theaterverein. Sie wirkt als unsterblich verliebte Abigail in jeder Szene überaus natürlich; voll praller Leidenschaft, wenn sie ihren Liebsten John Proctor (Oliver Batz) anhimmelt, ihn mit Küssen überfällt, ihn wütend anschreit, als er ihre Affäre beendet; hochexplosiv, wenn sie drohend ihre Freundinnen zum Schweigen bringt und Ohrfeigen verteilt; wunderbar entrückt im Wahn, wenn sie einen teuflischen Anfall mimt. Ihr gelingt es mühelos, alle Facetten der Abigail darzustellen, auch die, wo sie selbst hart einstecken muss.

 

Ihr männliches Gegenüber, Oliver Batz, schafft es, die Faszination, die von Marie Bruns ausgeht noch zu toppen: Mitreißend und ausdrucksstark spielt er den reumütigen Ehebrecher John Proctor, der sein Leben riskiert, um seine der Hexerei beschuldigten Frau zu retten. Oliver Batz ließ sich die Haare wachsen und den Bart zurechtschneiden, damit die Optik stimmt und legt alles in die Rolle, was er in den mehr als 10 Jahren Theatererfahrung gelernt hat. Er überzeugt als der Held, mit dem man mitleidet, wenn er im Hexenprozess für die Wahrheit kämpft oder im Kerker zwischen Leben oder Ehrlichkeit wählen muss; der so innbrünstig darstellt, dass der Zuschauer vergisst, dass ja alles nur gespielt ist. Ob Wutausbruch oder Tränen, Oliver Batz lebt diese Rolle.
Regisseur Jürgen-Helmut Keuchel hat sein Ziel, Authentizität in die Figuren zu bringen, durch Besetzung und Dramaturgie mehr als erreicht – bis in jede kleine Rolle. Susanne Dinter in ihrer ersten Rolle als betrogene Ehefrau Elisabeth Proctor herzerweichend, wenn sie ihrem Mann vergibt und für seine Freiheit bereit ist, ihr Leben zu geben. Oder André Mettken als Teufelsaustreiber Pastor Hale aus Beverly, der am Ende des Stücks der Rolle an Menschlichkeit und Verzweiflung die Größe gibt, die beeindruckt.

Neuschauspielerin Simone Jungnickel aus Treisbach (rechts) ist eine herrlich neunmalkluge dann wieder eingeschüchterte Magd, die beim Hexenprozess zum Spielball der Fronten wird und mit hysterischem Kreischen nicht nur das Publikum überrascht. Die, die über Leben und Tod entscheiden, der ehemalige erste Vorsitzenden des Theatervereins Richard Hess als Richter Hathorne (links) und der aktuelle erste Vorsitzende Helmut Konnerth als Unterstatthalter Danforth (2. v. l.) demonstrieren höchst autoritär ihre scheinbare Unfehlbarkeit. Uwe Fischbach (3.v. l.) muss als Pastor Parris den nicht ernst genommenen Beisitzer mimen und Harald Althaus (4. v. l.) geht mühelos als unseriöser aber einflussreicher Großgrundbesitzer in seiner Rolle auf.
Rundherum eine beeindruckende Produktion, so ganz die Kragenweite des Theaterverein Wetter, die mal wieder bis ins kleinste Detail stimmt; ob Kostüme, Drehkulissen, Naturbäume. Selbst der Galgen von Bühnenbauer Harald Günther ist für drei Mann genormt.
Besonders mitreißend die Tatsache, dass sich diese Geschichte so tatsächlich im Jahre 1692 abgespielt hat. Autor Arthur Miller gibt an, er habe die Figuren von den historischen Aufzeichnungen übernommen. Damals starben bei der Hexenhysterie 20 von mindestens 150 Angeklagten.
Ein Zuschauer bringt es auf den Punkt: „Ein wahnsinniges Stück und genauso wahnsinnig gute Schauspieler!“ Ulla Keller, Sängerin aus Marburg zu der Kerkerszene: „Ich hab mit der Elisabeth mit geweint!“ Edith Kuss, die Grand Dame des Theaterverein völlig ergriffen: „Ich brauchte eine viertel Stunde um wieder runter zu kommen, Oliver Batz in seiner größten Rolle!“
Weitere Vorstellungen: 4. und 5. April, 20:00 Stadthalle Wetter.
Karten: Bücherklause Ruhl Wetter, Tel. 06423-1880.