Lula B. macht aus Publikum Matrosenchor

UfA Tonfilmschlager open air in Cyriaxweimar

 

Bezaubernd federleicht schwang mit den Rosendüften, Lavendelschwaden und dem Grillduft Lula B.s Stimme durch den wildromantischen Schaugarten in Cyriaxweimar, während sie großformatige Schwarzweiß-Fotos der guten alten Ufa-Tonfilmstars im Publikum verteilte. Sie trillerte dabei heiter ohne Mikrofon vor sich hin und versprühte so ganz nebenbei den nostalgischen Charme einer illustren und glamourösen Diva. Glitzer, Federboa und die Originalfrisur von Lillian Harvey bahnten sich ihren Weg durch das Blütenidyll und verschmolzen mit den Pianoklängen von Reidar Seeling allmählich zu „Nimm dich in acht vor blonden Frauen“ und „Ich bin die fesche Lola“ von Marlene Dietrich aus „Der blaue Engel“ von 1930. Wie gewohnt brauchte Lula B. keine 3 Minuten, da hatte ihr ungebremster Schwung, ihr ansteckendes Lachen und ihre gewaltige Stimme das Publikum mitgerissen. Und so rauschte sie durch die Evergreens der 30er und 40er Jahre, wechselte dann und wann Requisiten, Kleider und Akzente und parodierte Zara Leander („Kann denn Liebe Sünde sein“, „Nur nicht aus Liebe weinen“) und Marika Röck („Musik, Musik, Musik“, „Für eine Nacht voller Seligkeit“).

Und wenn Lula B. mal danach war, dann sang sie für ein Jubiläums-Hochzeitspaar aus „Die Drei von der Tankstelle“ „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“, holte schon mal ihren Mann zum Duett auf die Bühne – der übrigens eine prima Figur dabei machte -  oder suchte sich aus dem Publikum für „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ einen Matrosenchor zusammen. Und wie von selbst machten die Zuschauer beim Auf-und-nieder mit und sangen Lula B. im Refrain entgegen. Nicht geklärt werden konnte die Frage, wer denn nun mehr Spaß hatte, wenn der Funke übersprang: Die Sängerin oder das Publikum?

Alles wunderbar abgestimmt mit ihrem Stammpianisten Raidar Seeling, der ihre eingeworfenen Kapriolen und Kommentare unbemerkt und taktgenau aufzufangen wusste. Der dritte im Bunde, Dr. Andreas Rein, authentisch klassisch in eleganten Kniebundhosen, referierte zwischen den Liedern sachlich historisch über die Turbulenzen der damaligen Zeit.

Und nur wer genau hinsah, der erkannte auf der Bühne auf den Großportraits des Fotografen Fredy Haas die Sängerin selbst, eine außergewöhnlich umschmeichelnde Kulisse.

Respektvoll wusste Lula B. bei den besinnlichen Stücken ihr Temperament zurück zu nehmen und doch eine gefühlsgeladene Stimmung zu erzeugen; und so präsentierte sie Lillian Harveys „Irgendwo auf der Welt“ zerbrechlich und sehnsüchtig, melancholisch beladen das „Lied geht um die Welt“ aus dem Jahre 1933 und mal wieder unübertroffen ihre „Lili Marlen“: Mit Mantel, Mütze, Koffer in der Hand scheinbar erstarrt,  leerer Blick in den Scheinwerfer, das Publikum paralysiert. Das blieb natürlich nicht ohne Wirkung: Mit stehenden Ovationen gab es drei Zugaben oben drauf, bevor Lula B. alias Ulla Keller ans verdiente Grillfleisch kam.

Ein rundherum wunderbarer Kunstabend im Schaugarten von Frau Niebergall, die als Aperitiv den Marburger Autorenkreis gewinnen konnte, der mit Lyrik und Prosa literarisch dem Garten huldigte, vorgetragen von Michael Krug, Carla Bayer-Cornelius, Angelica Seithe-Blümers und Reimer Wittmann.

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