kaiserinwetter

 

 

 

 

 

Dr. Wilhelm Bräutigam machte die Synagoge zum Jazzkeller

Träger- und Förderverein ehem. Synagoge Wetter tischte am 17. Mai musikalischen Leckerbissen auf

 

„Frau Liebmann, wir brauchen alle Stühle, die sie haben!“ schallte am Sonntag um 17:00 Uhr der Notruf in die Nachbarschaft der Synagoge. 80 Leute passen rein in die ehemalige Synagoge Wetter, an diesem Tag mussten es halt etwas mehr sein.

Sänger Dr. Wilhelm Bräutigam, der es liebt, außergewöhnliche Musiker zusammen zubringen, lud zu einer neuen Variante seines Programms „Wilhelm singt…Alte Deutsche Schlager und Jazz“; brachte Piano, Kontrabass und Klarinette mit in die Synagoge, samt namhafter Berufsmusiker aus der internationalen Jazzszene:

Jan Luley, Pianist der Barrelhouse Jazzband und Götz Ommert, der seit mehr als 30 Jahren den Bass zupft, standen schon des Öfteren gemeinsam mit Wilhelm Bräutigam auf der Bühne. Noch relativ jung ist da das Zusammenspiel mit dem berühmten Reimer von Essen, der seit 40 Jahren die Barrelhouse Jazzband mit der Klarinette anheizt. Schon bei den Proben zeigte sich, dass der Amateursänger mal wieder den richtigen Riecher hatte, diesen „Louis Armstrong der Klarinette“ zu gewinnen.

Requisiten untermalen die alten Deutschen Schlager

Der Garderobenständer, voll mit Federboas, Luftballons, Kapitänsmütze und Zylinder kitzelte an der Vorfreude für die guten alten Deutschen Schlager. Die Requisiten  sind neben der wechselnden Garderobe das Markenzeichen von Entertainer Bräutigam, der nicht alleine bei „Kauf dir einen bunten Luftballon“, „Das ist die Liebe der Matrosen“ und „Bel Ami“ so richtig in Fahrt kam. Im Nu sang wie immer das Publikum im Refrain amüsiert mit. So gefällt es dem Sänger! Seine Parodie auf Rühmanns „Ich brech die Herzen der stolzesten Frauen“ wirkte wunderbar unerotisch mit dicker Brille, schmierigem Scheitel und Sprechgesang, mit dem er sich den weiblichen Gästen zu nähern versuchte.

Mehr als nur professioneller Jazz

Wohl austarierter Jazz, mal gefühlvoll dem Gesang unterlegt, mal frech improvisiert füllte den zweiten Teil des Konzerts. Bei dem Klassiker „Kid Thomas Boogie Woogie“ kamen die Profi-Jazzer so richtig zur Geltung und wandelten, weil es gerade so Spaß machte, den Ablauf im Lied, tauschten Noten oder streckten nach Belieben Soloeinlagen.

Jan Luley zeigte auch im Kleinen seine Pianistenqualitäten: Bei „Summertime“ wiederholte er so oft die Einleitung, bis der mehrmals tief Luft holende Wilhelm Bräutigam endlich unter Gelächter seinen Einsatz fand. Bei „A Wink And A Smile“, seinem Lieblings- Swing-Stück aus dem Film „Schlaflos in Seattle“ überraschte die weiche Stimme Luleys, die fast so viele Kapriolen einwerfen konnte wie seine beeindruckend flinken Finger an den Tasten.

Der eher unscheinbare Zupfer im Hintergrund, Götz Ommert, füllte mit seiner warmen bassiges Vibration die Harmonien und die Synagoge.

Heftiger Zwischenapplaus für die Instrumentaleinlagen übertönte so manchmal Bräutigams Bariton, der mitten im Lied lachend ins Publikum resümierte: “Mit euch spiel ich nicht mehr, ihr klaut mir ja die ganze Show!“

Wie wahr, denn Reimer von Essen machte mit seiner Klarinette, seinen Gesangseinlagen, eingestreuten Anekdoten und Schauspieleinlagen eine Show für sich. Den Refrain des creolischen  „Sallee Dame“, bei dem sich eine Frau verletzt und so ihren Liebsten kennen lernt, spielte er jedes Mal  pantomimisch so dramatisch aus, dass das Publikum sich nicht mehr halten konnte, obwohl man kein Wort davon verstand. Er schaffte es mühelos, dass der ganze Saal creolisch mitsang.

Der absolute Knaller war seine Waschbrett-Imitation des „Cushen Foot“. Reimer von Essen brach das locker und lebendig beginnende Stück ab, als ihm auf fiel, dass das Waschbrett fehlte; griff nach hinten, tat so als hängte er sich ein Luft-Waschbrett um, verneigte sich und legte mit dem Mund eine Waschbrettnummer hin - fetzig, komödiantisch, leidenschaftlich – die selbst mit echtem Waschbrett überhaupt nicht zu toppen gewesen wäre.

Die Männerduette Bräutigam/Luley ließen nicht im Geringsten eine Frau vermissen. Die beiden improvisierten so unterschiedlich, der eine mehr ein Bing Crosby, der andere ganz der New-Orleans-Jazzer, dass man nicht glauben konnte, dass es sich um dasselbe „On The Sunny Side Of The Street“ handelte. Bei der Zugabe „Lazy River“ gackerten sie sich sogar an oder war es eher das Quaken eines misshandelten Froschs, was da den Zwischenteil füllte?

Wie auch immer, tosender Applaus belohnte das überaus gelungene Projekt, das in jedem Stück neue Überraschungen bot. Der Vorstand des Träger- und Förderverein ehem. Synagoge Wetter überglücklich und zufrieden: „Was für ein fantastisches Konzert!“